Feedback und Mitgestaltung


Die Perspektive wechseln:

Unterricht aus Schülersicht

Die Perspektive wechseln

Mit diesem Heft wollen wir Unterricht nicht aus der Sicht von Lehrern oder Schulleitungen in den Blick nehmen, sondern primär aus der Sicht von Schülerinnen und Schülern der unterschiedlichen Altersstufen.

Wir versuchen damit einen Perspektivenwechsel, der eine andere Sicht auf das ermöglicht, was die zentrale Aufgabe von Schule ist. Dabei geht es weder um eine vollständige noch um eine repräsentative Abbildung schulischer Realitäten. Angesichts der Vielfalt von Unterricht und der Unbegrenztheit der Perspektiven, die durch die Individualität der Schüler entsteht, soll dieses Heft auf individuelle Erfahrungen und Gedanken von Schülerinnen und Schülern Schlaglichter werfen.

Sowenig es in diesem Heft um Vollständigkeit geht, sowenig soll die Schülerperspektive als die einzig richtige dargestellt werden. Vielmehr möchten wir an Beispielen zeigen, dass es lohnt, sich mit der Perspektive der unterrichtlichen Nutzer zu befassen. Dabei beinhaltet der Begriff der Nutzer ein Dienstleistungsverhältnis, das weder die Unterrichtenden noch die Unterrichteten von Verantwortung für den Effekt von Unterricht freisprechen will.

Es gehört zu meinen beeindruckendsten Erfahrungen im Vorfeld der Entstehung der hier abgedruckten Beiträge, dass alle Schülerinnen und Schüler, mit denen ich gesprochen habe, Unterricht in einem solchen Sinne begreifen. Unterricht heißt nicht Konsum von Wissen, sondern soll Lernen ermöglichen. Schülerinnen und Schüler wollen deshalb auch beim Unterrichtsangebot mitreden und erachten es als selbstverständlich, an der Unterrichtsgestaltung mitzuarbeiten. – Ob das dann auch klappt, steht auf einem anderen Blatt. Warum trotz des guten Willens auf beiden Seiten der Unterricht häufig nicht zufriedenstellend funktioniert oder in der konkreten Situation auch der gute Wille nicht mehr erkennbar ist, und was dagegen zu tun ist, können natürlich die Schüler noch weniger als die professionellen Pädagogen beantworten. Der Perspektivenwechsel ermöglicht dennoch das leichtere Erkennen von widerständigen Faktoren und Pädagogik-resistenten Interessenlagen.

Die andere Sicht ist keineswegs ein neuer Blickwinkel, allenfalls ein zu wenig eingenommener.

Eine Sicht im Übrigen, die auch durch die Vorgaben des Hamburgischen Schulgesetzes gefordert ist (§ 2, Abs. 2, §3, Abs. 4). Das Ziel ist die aktive Teilhabe der Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung von Unterricht und Schulleben. Ein Ziel, dessen Umsetzung schwierig ist – diese Erfahrung spiegeln auch die Berichte in diesem Heft wider.

Während ihrer ganzen Schulzeit sind Schüler mit Unterricht konfrontiert. Sie entwickeln bereits in der Grundschule eigene Kriterien, nach denen sie ihren Unterricht beurteilen. Schüler beschäftigen sich eine beträchtliche Zeit ihrer Anwesenheit in der Schule und darüber hinaus mit der Beurteilung von Unterricht. Dies dient nicht zuletzt der Verarbeitung von entwicklungsrelevanten Erlebnissen. Die Schüler, die wir unterrichten, sind immer auch, wenn man so will, das Ergebnis des Unterrichts. Wir sollten also kennen, was wir bewirken.

Wir kümmern uns regelmäßig um den Ausschnitt der kognitiven Wirkungen von Unterricht und um all das, was wir trotz aller Bemühungen nicht bewirken. Dafür lassen wir Arbeiten schreiben und führen unendlich viele Gespräche, ermahnen, wiederholen, planen didaktisch und methodisch usw… und wundern uns, wenn’s nichts bringt. Wahrscheinlich lohnte es sich, einen Teil dieser Energie für die Beantwortung der Frage nach den anderen, den nicht planbaren Wirkungen unseres Unterrichts aufzubringen.

Die Unterrichtsbeurteilung durch die Schüler findet ja statt, nur in der Regel entsteht hieraus kein Feed-back. Zum Feedback gehört immer auch die Selbstreflexion. Nicht: »Sie haben schlechten Unterricht gemacht. Es war langweilig.« Sondern: »Ich konnte heute bei Ihnen nichts lernen. Ich war aber bereit – zumindest am Anfang.«

In mehreren Berichten spielt der Aspekt der Selbstreflexion und des systematischen Heranführens an regelmäßiges Feedback in diesem Sinne eine zentrale Rolle, ob dies nun im Rahmen des Klassenrates an der Grundschule Karl-Arnold-Ring geschieht, beim »Sozialen Lernen« am Albrecht-Thaer-Gymnasium oder mit Hilfe des Feedbackbogens im Projektunterricht der H9, der in der nächsten Ausgabe in der Rubrik ›Werkstatt Schule‹ dokumentiert wird.

Eine Kommunikationslücke schließen

Was Schülerfeedback bringen kann, für die eigene Berufspraxis, für die Unterrichtsgestaltung und für das Lernen der Schüler, versucht dieses Heft anhand von Erfahrungsberichten und Interviews darzustellen.

Wenn Feedback zum selbstverständlichen Bestandteil der Unterrichts- und Schulkultur wird, kann sich ein Vertrauensverhältnis im Umgang miteinander entwickeln oder verstärken. Die Akzeptanz auch negativer Rückmeldungen ist umso größer, je deutlicher allen Beteiligten wird, dass Unterricht ein Prozess ist, der nur dann effektiv sein kann, wenn beide Seiten den Nutzen erkennen, den sie daran haben und sich um die Effektivierung bemühen.

Je deutlicher ausgesprochen wird, dass auch die Lehrer nicht mehr verbindlich sagen können, welche Kenntnisse und Fähigkeiten die Schüler für die Bewältigung ihres späteren Lebens benötigen werden, umso wichtiger wird es, diese selber zu fragen und in die Unterrichtsgestaltung als aktive Partner einzubeziehen.

Dabei geht es um die bewusste Entwicklung einer demokratischen Kultur, deren Ziel es ist, die Beteiligung von Schülern an der Unterrichtsgestaltung zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. In der ausgeprägtesten Form führen Schüler dabei ihren Unterricht selber durch, wie in dem Text über »Präsentationsarbeiten« im Deutsch Leistungskurs Sek. II dargestellt und als Forderung des 2. Hamburger Schülerforums an alle Schulen gerichtet.

»Demokratisch Handeln« hat etwas mit Verantwortungsübernahme zu tun, und wenn die Befähigung hierzu eine der Aufgaben von Schule ist, dann kommt der Unterricht nicht darum herum, Verantwortung für den eigenen Lernprozess an die Schüler zu übergeben. Außerdem wird das Unterrichten nicht schwieriger, sondern erfolgreicher durch Feedback und Kooperation mit den Schülerinnen und Schülern.

Die Berichte in diesem Heft »Unterricht aus Schülersicht« sind zu einem großen Teil von Schülerinnen und Schülern geschrieben worden. Das Konzept des Heftes ist in Zusammenarbeit mit den Vertretern der SchülerInnenkammer Hamburg entstanden. Das Heft ist dadurch selber zu einem Feedback geworden. Und wie jede Rückmeldung sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, die geschilderten Erfahrungen nicht als Kritik verstehen, sondern im ersten Schritt einfach zur Kenntnis nehmen ohne ein Aber. Es werden die Ziele und Indikatoren von Schülern in Hinblick auf Unterricht sichtbar und ihre Erfahrungen mit dem täglichen Unterricht. Was wir daraus für die eigene Praxis machen können, das zu überlegen, ist dann der zweite Schritt.

Tilman Kressel,
Institut für Lehrerfortbildung (IfL),
Hartsprung 23,
22529 Hamburg


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