Feedback und Mitgestaltung


Schulalltag

Nicht spektakulär, aber ganz in Ordnung

Wie erleben unsere Schülerinnen und Schüler ihren Schulalltag?

Die folgenden Eindrücke sind Momentaufnahmen von zwei Schülerinnen. Sie sind nicht repräsentativ, trotzdem sind sie ein Spiegel dessen, wie Unterricht auch wahrgenommen wird. Es ist Unterricht aus ganz individueller Schülerinnensicht.

Die Schülerinnen berichten aus der neunten Klasse einer Hamburger Gesamtschule und eines Gymnasiums.

Montag

Die erste Std. ist ausgefallen, es hat mich niemand benachrichtigt.

2. Std. Französisch: Wir sprechen auf Französisch über unser Praktikum. Ich lerne einiges, der Unterricht hat eine lockere Form, das nutzen einige Schüler aus. Eine gute Stunde.

3. Std. Erdkunde: Wir arbeiten an unseren Referaten. Unser Lehrer ist die meiste Zeit nicht im Raum. Deshalb arbeitet auch kaum jemand. Es ist wie in der Pause, wir laufen einfach im Raum herum. Dabei haben wir durchaus Respekt vor Herrn K., aber er ist nicht da.

4. Std. Deutsch: Im Sitzkreis besprechen wir das Praktikum. Es herrscht eine lockere Stimmung und jeder versucht sich in den Vordergrund zu spielen. Wir tauschen interessante Erfahrungen aus.

5. Std. Englisch: Im Sitzkreis besprechen wir eine Geschichte, es ist eine Wiederholung, niemand lernt wirklich etwas dabei. Dann bekommen wir eine reine Übersetzungsaufgabe, dabei muss man sich keine Gedanken machen, wir haben den Text schon mal behandelt. Es ist alles zu einfach für eine neunte Klasse.

6. Std. Ethik: Wir sprechen im Sitzkreis über den Begriff Sekte. Dann lesen wir einen Text, der fast nichts mit dem Thema zu tun hat. Herr P. geht in keinster Weise darauf ein, dass Schüler beim Vorlesen massiv gestört werden, sondern gibt dem ªOpfer´ die Schuld. Die Klasse ist total undiszipliniert. Es gibt kein Unterrichtsergebnis, nicht mal in Ansätzen. Es ist langweilig und man ist müde, einfach nur Text zu lesen. Herr P. lässt kaum inhaltliche Unterrichtsgespräche führen. Der Unterricht hat so gut wie nichts mit Ethik zu tun.

Mathe in der 1. und 2. Std.: Wir besprechen Aufgaben und Übungen für die Arbeit. Herrn Bs. Stimmung schwankt stark. Er ist zwischen genervt und freundlich. Die meisten — wenn eben auch nicht alle — Schüler sind uninteressiert. In dieser Std. lerne ich nichts.

3. und 4. Std. Französisch: Wir gehen die neuen Vokabeln durch, lesen einen Text und bekommen einen Test zurück. Frau H. hat den Glauben an den Erfolg ihres Unterrichts schon aufgegeben. Sie unterrichtet nur noch, weil sie es muss. Die Schüler nehmen fast nichts auf. Ein bisschen lerne ich trotzdem.

5. und 6. Std. Ethik: Herr K. kommt schon wieder zu spät. Er ist schlecht vorbereitet. Wir sprechen über die Mappenführung. Danach besprechen wir neue Themen für Referate. Die Themen werden verteilt. Das war’s.

7. Std. Deutsch: Grammatik-Übungen zu dass oder das. Das Thema muss nun mal sein. Übungsform ist o.K. Es ist so oder so nicht spannend. Frau M. ist entspannt. Die Schüler sind ziemlich aufmerksam und still. Endlich Schluss.

Dienstag

Geschichte in der 1. Std.: Interessanter Unterricht über Imperialismus, obwohl mich Geschichte zum Teil langweilt. Jeder kann sich gut ins Gespräch einbringen, Herr T. hat gut durchgegriffen.

2. Std. Physik: Kurzes Kennenlernen der neuen Lehrerin Frau F., dann Wiederholung und etwas Neues in Wärmelehre. Es herrscht eine lockere Atmosphäre. Ich habe ein wenig das Gefühl, dass sie sich nicht so richtig wohl fühlt, da einige Schüler zu persönlich werden. Unruhiger Unterricht, es hat weder Spaß gemacht noch habe ich etwas gelernt.

3. Std. Mathe: Als Vertretung für Mathe haben wir Geschichte. Man kann sich wieder gut einbringen. Die ªStillarbeit´ finde ich irgendwie blöd. Viele können in der Schule nicht still arbeiten. Jetzt müssen wir die Aufgaben zu Hause machen. Das ist eine der wenigen Vertretungsstunden, in denen ernsthaft Unterricht gemacht wird. Man hat nicht dieses ªVertretungsstundengefühl´, dass man einfach nur da ist, um da zu sein.

4. Std. Englisch: Englisch zum Thema Freundschaft. Es wird immer das Gleiche geredet. Die Klasse ist unruhig. Herr P. droht mit Strafarbeiten, aber wirklich verteilen tut er keine. Man redet, was der Lehrer hören will, und der findet diese scheinbar tiefsinnigen Dinge toll. Immer wieder die gleichen Fragen, die gleichen Antworten. Langweiliger Unterricht, den man sich sparen könnte, denn es geht nur darum, dem Lehrer gut zuzuhören, um das, was er gesagt hat, zu wiederholen. Man redet dem Lehrer nach dem Mund, eine eigene Meinung ist schwer zu vertreten. Oft wird man mitten im Satz von ihm abgewürgt.

Geschichte in der 1. Std.: Frau M. behandelt eine Aufgabe aus dem Geschichtsbuch. Sie ist vorbereitet. Es ist nicht sehr spannend, nicht spektakulär, aber ganz in Ordnung. Die Schüler sind relativ gut interessiert.

2. und 3. Std. Theaterkurs: Herr S. hat uns Kopien des Stückes verteilt. Wir lesen in Gruppen. Sonst passiert nichts. Herr S. ist wie immer nicht weiter vorbereitet. Alle sind uninteressiert. Schade um die vertane Zeit.

4. und 5. Std. Englisch: Herr P. macht guten lockeren Unterricht. Er ist entspannt, lustig und aufmerksam. Die Schüler sind zufrieden, mir geht’s gut. Wir besprechen die Hausaufgaben und dann lesen wir eine Geschichte und schreiben die unbekannten Vokabeln heraus. Bei der Stillarbeit ist Herr P. hilfsbereit.

6. Std. Französisch: Erst besprechen wir die Hausaufgaben, danach die Arbeit. Die Schüler wirken entspannt und gelangweilt. Frau H. ist vorbereitet und macht ihr Ding unabhängig von der Mitarbeit.

Mittwoch

Sport in der 1. Std.: Die Klasse wird in Gruppen aufgeteilt, Ringe, Barren, Bock. Herr M. gibt Hilfestellung beim Bock. Alle anderen sitzen herum. Es sind wieder die Üblichen, die mitmachen. Herrn M. interessiert nicht, wer mitmacht. Mir tun die Hände weh, es gibt kein Talkum.

2. Std. Deutsch: Große Beteiligung, das Thema interessiert viele, es entstehen viele verschiedene Meinungen, aber Frau P. lässt keine Diskussion zu. Kaum jemand hat seine Unterlagen dabei. Einige nehmen dann, wie immer, gar nicht am Unterricht teil.

3. Std. Chemie: In 2er-Gruppen werden Versuche zum PH-Wert gemacht. Keiner weiß so richtig, was er machen soll. Alle laufen rum, aber niemand macht etwas Chemieähnliches.

4. Std. Mathe: fällt aus. In der Vertretungsstunde sind kaum Schüler da. Viele rauchen auf dem Schulhof. Andere machen ihre Hausaufgaben für die nächste Std. Wer schon alles hat, langweilt sich. Der Vertretungslehrer ist beschäftigt, keiner kümmert sich um die Klasse.

5. Std. Berufskunde: Für eine Aufgabe, die in kurzer Zeit zu bewältigen ist, wird eine ganze Std. in Anspruch genommen. Ich habe das Gefühl, dass Herr B. nicht weiß, was er im Unterricht machen soll. Deshalb lässt er am Ende eine Arbeit schreiben.

6. Std. Kunst: Thema Comic. Viele Schüler kommen zu spät. Kaum jemand malt, die meisten malen zu Hause. Das Radio läuft. Alle reden. Frau F. erzählt Persönliches, manche Schüler verarschen andere auf’s Übelste.

Chemie in der 1. und 2. Std.: Super Unterricht, zuerst wieder ein Test. Danach zeigt Frau P. einen Versuch.

Frau P. ist super vorbereitet, alle sind aufmerksam. Ich habe viel gelernt.

3. und 4. Std. Bio: Frau M. ist freundlich und gibt sich Mühe und ist vorbereitet. Sie hat die Klasse unter Kontrolle. Das Unterrichtsgespräch ist gut.

5. Std. Politik: Wir sehen einen Film. Danach gibt es ein Unterrichtsgespräch. Frau M. stellt gute Fragen. Sie weiß, was sie will. Es ist spannend.

6. Std. Freistunde

7. Std.: fällt aus, warum sagt uns keiner. Wahrscheinlich wieder Konferenz.

Zusammengestellt von
Tilman Kressel,
Institut für Lehrerfortbildung (IfL),
Hartsprung 23,
22529 Hamburg

(aus: Hamburg macht Schule 3/2000)

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