Feedback und Mitgestaltung


Schülermitbeteiligung im Religionsunterricht der Grundschule

ªWir reden viel.´ So beschreibt mir ein Viertklässler seinen Religionsunterricht. Der Schüler verweist damit auf die große Bedeutung des Gesprächs in diesem Fach. Nach seiner Aussage werden außerdem kaum Arbeitsblätter eingesetzt. Der Religionsunterricht nimmt schon durch diese methodische Gestaltung häufig eine Sonderstellung ein.

Herauszufinden, ob darin Chancen oder Grenzen für Schülermitbeteiligung liegen, ist ein Ziel meiner Untersuchung. Ich möchte diese Problematik erhellen, indem ich danach frage, wie Schüler und Lehrer den Unterrichtsprozess im Fach Religion gemeinsam gestalten. Der Begriff Schülermitbeteiligung fasst dies zusammen. Er bezeichnet, dass die Lernenden einerseits durch die Lehrenden in den Unterricht einbezogen werden, andererseits aber auch aktiv-gestalterisch auf den schulischen Lehr-Lern-Prozess einwirken. In der Verwendung des Begriffs beziehe ich mich auf ein DFG-Forschungsprojekt mit dem Titel ªSchülermitbeteiligung im Fachunterricht´1, das am Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durchgeführt wird.

Vorausgesetzt wird, dass Schülermitbeteiligung nur erörtert werden kann, wenn neben der Analyse von Unterricht auch die Sichtweisen der beteiligten Akteure rekonstruiert werden. Daher setzte ich drei Methoden zur Erhebung der Daten ein (s. Abb.).

Nachdem ich die Erhebungsinstrumente im Frühjahr 1999 in einer Hamburger Grundschulklasse erprobt habe, befinde ich mich jetzt in der Hauptphase meiner Untersuchung (mit vier weiteren Klassen). Besonders aufschlussreich sind dabei die Schülergespräche, bei denen die Kinder z.B. Religionsunterricht mit Plastikfiguren nachspielen und erklären. Durch die Auswertung dieser Daten soll die Qualität von Schülermitbeteiligung erfasst und der Zusammenhang von Religionsunterricht und Schülermitbeteiligung erhellt werden. Außerdem möchte ich klären, inwieweit Grundschüler ein didaktisches Verständnis besitzen.

Die theoretische Rahmung bezieht dabei die Bereiche Allgemeine Didaktik und Fachdidaktik ein. Hier Verbindungen aufzuzeigen erscheint angesichts des komplexen Handlungsfeldes Unterricht immer wieder als erforderlich. Zwei Problemstellungen sehe ich dabei als zentral für die Frage der Schülermitbeteiligung an:

1. In Analysen der Religiosität sowie der sozialen und ökonomischen Hintergründe zeigt sich, wie groß die Disparitäten von kindlichen Lebenswelten heute sind.2 In Hamburg hat sich angesichts dieser Situation ein religionsdidaktischer Ansatz entwickelt, welcher einen ªReligionsunterricht für alle´ sinnvoll gestalten möchte.3 Wie eine Verständigung über Welt, die bei den Erfahrungen der Schüler ansetzt, im Religionsunterricht der Grundschule aussieht, ist bislang aber kaum untersucht worden.

2. Auf dem Hintergrund der Forderung, zur Selbständigkeit zu erziehen, die z.B. unter den Begriffen learner autonomy und student involvement diskutiert wird4, stellt sich zudem die Frage, wie die Lernenden im Unterichtsprozess tatsächlich beteiligt sind. Dabei ist davon auszugehen, dass die zunehmende Übernahme von Verantwortung für den Unterricht durch die Schüler nötig ist, um diese Ziele zu erreichen. Die Perspektive der Schüler ist dabei von besonderer Bedeutung. Welcher Lehrer weiß schon genau, wie seine Schüler den Religionsunterricht wahrnehmen?

 

Anmerkungen

1 Vgl. Meyer, M. A./Schmidt, R.: Schülermitbeteiligung im Fachunterricht. Opladen, erscheint im Frühjahr 2000.

2 Vgl. z.B. Sand, F.O.: Religiosität von Jugendlichen in der multikulturellen Gesellschaft. Münster 1996.

3 Vgl.: Doedens, F./Weiße, W. (Hg.): Religionsunterricht für alle — Hamburger Perspektiven zur Religionsdidaktik. Hamburg 1997.

4 Vgl. McCarthey, S.J./Peterson, P.L.: Student Roles in Classrooms. In: Anderson, Lorin W.: International Encyclopedia of teaching and teacher education. Cambridge 1995 (2. Aufl.), S. 408—411.

Silke Jessen,
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