Klima und Energie
MuD am MPI

Einleitung

Für die gesellschaftliche Bewertung des Klimawandels ist die Veränderung des globalen Durchschnittsklimas von relativ geringem Belang. Die Öffentlichkeit wie die Politik fühlen sich von Aussagen über globale Klimaänderungen, z.B. einen Temperaturanstieg von 3 oC in den nächsten 100 Jahren, wenig betroffen. Als viel wichtiger werden die daraus resultierenden Folgen eingeschätzt, die direkt die menschlichen und natürlichen Systeme in ganz bestimmten Regionen beeinflussen. Das hat sich an den bisherigen Reaktionen auf extreme Wetterereignisse gezeigt, die als Folge des globalen Klimawandels durch den Menschen verstanden wurden. So hat in den USA erst die extreme Dürre 1988 den menschengemachten Treibhauseffekt auf die politische Agenda gesetzt. In Deutschland und Europa haben die Stürme der 1990er Jahre, die Elbeflut 2002 und der Hitzesommer 2003 den Klimawandel als eine ernste Gefahr ins Bewusstsein gerückt. Und für die Zukunft werden vor allem die möglichen Folgen des Klimawandels wie der Meeresspiegelanstieg, die Zunahme von Hitzewellen und Überschwemmungen oder die Ausbreitung von Krankheiten als Bedrohung empfunden. Auch die Forschungspolitik hat auf diese Situation reagiert. So ist in Deutschland mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (http://www.pik-potsdam.de/) ein eigenes Forschungszentrum zu dieser Thematik entstanden. Und nicht zuletzt zeigt sich die (ökonomische) Bedeutung der Klimafolgen auch in der Reaktion der Versicherungswirtschaft, die darin eine erhebliche Beanspruchung ihrer Leistungsfähigkeit auf sich zukommen sieht.1

Klimafolgen können für natürliche und menschliche Systeme positiv und negativ sein. Der Ackerbau kann bei einer Temperaturerhöhung in höheren Breiten in Regionen vordringen, wo er gegenwärtig durch zu niedrige Temperaturen nicht möglich ist. Er kann aber auch durch zu niedrige Niederschläge in anderen Gebieten unmöglich werden. Die Abnahme der arktischen Eisdicke kann die Schifffahrt auf Strecken möglich machen, auf denen gegenwärtig nur Eisbrecher verkehren können, sie kann aber auch den Lebensraum von Eisbären bedrohlich einschränken. Höhere Wintertemperaturen können Heizkosten einsparen und die Sterblichkeit durch Kältewellen verringern. Höhere Sommertemperaturen verstärken dagegen den Energieverbrauch und können frühzeitige Todesfälle durch Hitzeperioden zur Folge haben.

Eine Betrachtung der Folgen des durch den Menschen bedingten Klimawandels hat es mit zwei zentralen Fragen zu tun: 1. Welche Veränderungen der letzten ca. 100 Jahre in natürlichen und menschlichen Systemen lassen sich bereits als Folgen der bisherigen Klimaänderung feststellen? 2. Mit welchen Folgen ist aufgrund künftiger Klimaänderung in den nächsten 100 Jahren und danach zu rechnen?

Es liegen genügend Beobachtungen vor, die darauf hinweisen, dass regionale Klimaänderungen bereits Auswirkungen auf physikalische und biologische Systeme gehabt haben. Beispiele dafür sind etwa der Rückzug von Hochgebirgsgletschern, das Auftauen von Permafrost, die Verlängerung der Vegetationsperiode und die frühere Eiablage von Vögeln in den mittleren und höheren Breiten u.a. Auch wenn in einzelnen Fällen die Zuordnung von Ursachen schwierig sein kann, so stimmt doch die Richtung der Veränderung mit den durch den Klimawandel zu erwartenden Änderungen überein. Entsprechend ist davon auszugehen, dass sich diese und andere Folgen bei einer weiteren globalen Erwärmung in Zukunft verstärken werden. In welchem Ausmaß das geschieht, hängt von der künftigen Klimaentwicklung ab.

Klimafolgen sind entscheidend vom Grad und der Geschwindigkeit des Klimawandels abhängig. Eine Erwärmung von 1 oC in den nächsten 100 Jahren wird es wahrscheinlich vielen Ökosystemen einschließlich der menschlichen Landwirtschaft z.B. durch Migration erlauben, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen, was bei einer Temperaturzunahme von 2 oC und mehr kaum noch möglich sein wird. Auch die Entwicklung der Veränderung spielt eine Rolle. So wird eine gleichmäßige Veränderung über 100 Jahre weniger gravierende Folgen haben als eine sich beschleunigende Veränderung. Von besonderer Bedeutung ist das Auftreten von starken Klimaschwankungen und Extremereignissen. Das chaotische und äußerst komplexe Klimasystem birgt das Risiko plötzlicher Klimaumschwünge, wie sie im Zusammenhang mit der thermohalinen Zirkulation auch für die Vergangenheit nachgewiesen sind. Hitzewellen, Starkniederschläge, Dürren und heftige Stürme können Folgen haben, die nicht geringer einzuschätzen sind als die der Veränderung des durchschnittlichen Klimas.

   
Abb. 1: Bandbreite der Unsicherheiten bei Aussagen über Klimafolgen, die die "Unsicherheitsexplosion" von den Emissionsszenarien über die Aussagen über Klimänderungen bis zu solchen über Klimafolgen zeigt.2

Aussagen über Klimafolgen haben es mit drei wichtigen Unsicherheitsbereichen zu tun:

  1. ist in den meisten Fällen eine eindeutige Ursachenzuweisung nicht möglich. So lassen sich bestimmte Extremereignisse gegenwärtig nicht zweifelsfrei auf eine Änderung des mittleren Klimas zurückführen, da sie theoretisch als seltenes Ereignis auch bei gleichbleibenden Klimabedingungen auftreten könnten. Auch Veränderungen von Ökosystemen können durch verschiedene Faktoren hervorgerufen werden. Klimatische Änderungen sind dabei neben Luftverschmutzung, veränderte Landnutzung usw. nur eine mögliche Ursache.
  2. basieren alle Aussagen über gegenwärtige und vor allem künftige Klimafolgen auf den Unsicherheiten der Aussagen über den Klimawandel selbst. Dazu gehören die Ungewissheiten über die sozioökonomische Entwicklung, aus denen die Emissionsszenarien abgeleitet werden, über die Reaktion des Kohlenstoffkreislaufs (und der Kreisläufe der anderen Treibhausgase) auf die unterschiedlichen Emissionen, auf die Reaktion des globalen Klimas auf einen veränderten Kohlenstoffkreislauf sowie über die Folgen für das regionale Klima, aus dem schließlich die Klimafolgen abgeleitet werden. Mit jedem dieser Schritte wächst die Ungewissheit, so dass man von einer "Unsicherheitsexplosion" sprechen kann (Abb. 1).3
  3. ist die geringe räumliche Ausdehnung vieler Klimafolgen ein Problem für die Klimamodellierung, was vor allem eine Vorhersage von Klimafolgen für bestimmte Regionen äußerst schwierig macht.

Dieter Kasang

Anmerkungen:
1. Berz, Gerhard (1998): Klimaveränderungen: Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft und Handlungsoptionen, in: J.L.Lozán u.a.(Hg.): Warnsignal Klima, Hamburg, 400-406
2. IPCC (2001): Climate Change 2001: Impacts, Adaption, and Vulnerability. Contribution of the Working Group II to the Third Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (Houghton, J.T. et al., eds), Cambridge and New York 2001, Figure 2-2
3. IPCC (2001): Climate Change 2001: Impacts, Adaption, and Vulnerability. Contribution of the Working Group II to the Third Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change (Houghton, J.T. et al., eds), Cambridge and New York 2001, 2.6.4


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